Wie dekliniere ich ein Adjektiv nach Wörtern wie jegliche, folgende oder mehrere? Vor dieser Frage kapituliert unser Sprachgefühl bisweilen. Zum Glück gibt es eine Systematik, an der wir uns orientieren können. Auf dass uns solche schwierigen (sic!) Fälle künftig weniger Kopfzerbrechen bereiten.

Es gibt Momente, in denen lässt einen das Sprachgefühl im Stich. Wecken die warmen Temperaturen sämtliche frühlingshaften Gefühle? Oder sämtliche frühlingshafte Gefühle? Falls Sie die Antwort kennen, können Sie getrost aufhören zu lesen. Für alle anderen: willkommen in der Welt der Pronominaladjektive!

Was sind Pronominaladjektive?
Fangen wir mit einer einfachen Nominalgruppe an: die alte Frau. Sie besteht aus einem Artikel (die), einem Adjektiv (alte) und einem Substantiv (Frau). Auch dieses lustige Kind ist eine solche Nominalgruppe, ebenso mein neuer Computer. Im Unterschied zur ersten Nominalgruppe, werden letztere beide mit einem Demonstrativpronomen (dieses) bzw. einem Possessivpronomen (mein) eingeleitet.

Die, dieses und mein spezifizieren und determinieren das nachfolgende Substantiv. Sie funktionieren pronominal und werden stark dekliniert. An ihnen können wir Fall, Zahl und Geschlecht des Substantivs ablesen. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Pronomen über eine Flexionsendung verfügen:

  • Das lustige Kind (Nominativ/Akkusativ Singular)
  • Des lustigen Kinds (Genitiv Singular)
  • Dem lustigen Kind (Dativ Singular)

Alte, lustige und neuer modifizieren und attribuieren das anschliessende Substantiv. Sie funktionieren adjektivisch und werden schwach flektiert – es gibt nur die unspezifischen Adjektivendungen -e und -en. Ausnahme: Fehlt das Determinativ in der Nominalgruppe oder geht dem Substantiv ein Wort ohne Flexionsendung voraus, so wird das Adjektiv stark gebeugt:

  • Das lustige Kind (mit Determinativ, schwache Flexion: -e)
  • Lustiges Kind (ohne Determinativ, starke Flexion: -es)
  • Ein lustiges Kind (unbestimmter Artikel ohne Flexionsendung, starke Flexion: -es)

Nun gibt es Wörter, die sich weder eindeutig zu den Determinativa noch samt und sonders zu den Adjektiven zuordnen lassen. Beispiele für solche Grenzgänger sind beide, manche oder viele. Diese Pronominaladjektive können einmal determinativ, einmal adjektivisch wirken. Es können ihnen sowohl stark als auch schwach deklinierte Wörter folgen – je nach Fall, Zahl und Geschlecht, in der eine Nominalgruppe steht:

  • Das Verdienst einiger junger Menschen (Genitiv Plural, starke Flexion: -er)
  • Mit einigem lauten Getöse (Dativ Singular Neutrum, schwache Flexion: -en)

Aber auch bei exakt gleichem Kasus-Numerus-Genus-Setting kann die Beugung der Folgewörter variieren:

  • Das Zimmer beider kleinen Kinder (Genitiv Plural, schwache Flexion: -en)
  • Das Zimmer beider kleiner Kinder (Genitiv Plural, starke Flexion: -er)

Flexionen folgen Muster
Die Schwankungen der Adjektivflexionen nach Pronominaladjektiven sind selbst für native Sprecherinnen und Sprecher eine grammatische Herausforderung. Unsere sprachliche Intuition hilft uns hier oft nicht weiter. Damit die Wahl der korrekten Wortendungen nach Pronominaladjektiven nicht zu einer Lotterie verkommt, habe ich ein Arbeitspapier des Instituts für Deutsche Sprache ausgegraben. Der Linguist Bernd Wiese zeigt darin, dass die von Pronominaladjektiven ausgelösten Flexionen durchaus einer Systematik folgen. Je nach lexikalischer Bedeutung der Pronominaladjektive und je nach Kasus-Numerus-Genus-Spezifikation.

Knöpfen wir uns zunächst die Lexeme vor. Es gibt Pronominaladjektive, die haben eine quantifizierende Bedeutung: alle, beide, sämtliche, jegliche, etliche, manche, irgendwelche, mehrere, einige, viele, wenige. Daneben gibt es selektierende oder differenzierende Pronominaladjektive: welche, solche, folgende, andere.

Die quantifizierenden Pronominaladjektive lassen sich unterscheiden in solche, die eine Menge ausnahmslos abbilden – alle, beide, sämtliche, jegliche –, und in solche, die eine Summe meinen: etliche, manche, irgendwelche, mehrere, einige, viele, wenige. Erstere sind Allquantoren, letztere Existenzquantoren.

Die übrigen Pronominaladjektive lassen sich grob in selektierende – welche, solche – und differenzierende – folgende, andere – unterteilen.

Allquantoren: schwache Flexionen – Existenzquantoren: starke Flexionen
Nachdem wir die lexikalischen Bedeutungen der Pronominaladjektive grob erfasst haben, können wir uns auf die Suche nach einem damit verbundenen Flexionsmuster machen. Und siehe da: Es gibt eines! Allquantoren funktionieren wesentlich pronominaler als Existenzquantoren. Mit anderen Worten: Auf alle, beide, sämtliche, jegliche folgen schwach gebeugte Adjektive – auf die übrigen quantifizierenden Pronominaladjektive stark flektierte Adjektive. Oder noch einmal anders: Nach Allquantoren kommen Adjektive mit den Endungen -e und -en, nach Existenzquantoren solche mit den Endungen -e, -er, -es, -em.

Bei den selektierenden und differenzierenden Pronominaladverbien sieht das Flexionskontinuum wie folgt aus:


Schwache Beugung nach -em – starke Beugung nach -e
Die Flexionen nach Pronominaladjektiven lassen ein zweites Muster erkennen. Dieses hängt davon ab, in welchem Fall, in welcher Zahl und in welchem Geschlecht eine Nominalgruppe mit Determinativ, Adjektiv und Substantiv steht. Das klingt freilich komplizierter, als es in der Praxis ist.

Merken muss man sich nämlich nur dieses: Nach Pronominaladjektiven mit der Endung -em oder -es werden Adjektive durchwegs bzw. fast ausnahmslos schwach flektiert. Nach -er ist sowohl schwache als auch starke Beugung möglich. Nach Pronominaladjektiven, die auf -e auslauten, werden Adjektive weitgehend stark flektiert.

Alle Flexionen im Überblick
Kombinieren wir beide Systematiken – Wortbedeutung und Kasus-Numerus-Genus-Setting –, erhalten wir folgende Gesamtübersicht:

Zurück zum Anfang. Wie war das nun mit den frühlingshaften Gefühlen? Ein Blick auf die Tabelle sagt mir: Die warmen Temperaturen wecken sämtliche frühlingshaften Gefühle. Zumindest grammatisch lässt sich das mit Fug sagen.