Wann schreibe ich gross, wann klein?

Wenn die deutsche Sprache etwas auszeichnet, dann dieses: die Gross- und Kleinschreibung. Muss man sich in den romanischen Sprachen, aber auch in den übrigen germanischen Sprachen in aller Regel keine Gedanken machen, ob ein Wort gross- oder kleingeschrieben wird, so verlangt Deutsch seinen Sprechern diesbezüglich einiges ab. Indes: Schreibe ich nun Einiges oder einiges? Soviel vorweg: Klein ist hier korrekt.

Aber fangen wir von vorne an. Obwohl – nicht von ganz vorne. Dass ein Wort am Satzanfang mit grossem Initial geschrieben wird, dürfte gemeinhin bekannt sein. Spannend sind ohnehin die komplexeren, ja bisweilen kniffligen Fälle. Und die sind es ja gerade, die die deutsche Sprache von ihren Kolleginnen unterscheiden.

Gross oder klein? Eine Spezialität der deutschen Sprache.

Substantivierungen
Im Prinzip ist die deutsche Grossschreibung leicht – alles, was irgendwie nach Substantiv riecht, wird grossgeschrieben. Das fängt bei Verben an, deren Grundformen als Substantive gebraucht werden:

  • Das Wandern ist des Müllers Lust.
  • Das Zustandekommen des Vertrags war eine Sensation.
  • Das In-den-Tag-Hineinleben ihres Partners nervte sie.

Substantivierte Infinitive können jedoch genauso gut artikellos gebraucht werden. In diesen Fällen haben wir die Wahl: Entweder die Grundform ist ein Substantiv oder aber sie bleibt ein Verb:

  • …denn Rechnen oder rechnen fiel ihm leicht, während Lesen oder lesen seine Schwäche war.

Neben Verben haben auch Adjektive, Adverbien, Präpositionen, Konjunktionen, ja gar Interjektionen (Ausrufe) das Zeug zu Substantiven. Entsprechend werden sie – wenn substantiviert – grossgeschrieben:

  • Das Schöne daran war, dass sie sich mochten.
  • Das ewige Hin und Her zermürbte sie.
  • Er zählte Pro und Contra der Option auf.
  • Die Frage nach dem Warum war zentral.
  • Sie schaffte die Prüfung mit Ach und Weh.

Mehrteilige substantivierte Konjunktionen werden mit Bindestrich gekoppelt. Dabei wird ausschliesslich das erste Wort grossgeschrieben:

  • Infrage kommt nur ein Sowohl-als-auch.

Zusammensetzungen und Aneinanderreihungen
Bleiben wir bei den zusammengesetzten Wörtern. Eine weitere Regel besagt, dass Substantive in Kompositionen oder Aneinanderreihungen (Verbindungen unterschiedlicher Wortarten), die mit Bindestrichen gekoppelt werden, grossgeschrieben werden:

  • Die Vorsorge-Untersuchung zeigte keine Auffälligkeiten.
  • Das Allzweck-Küchenmesser schneidet grossartig.
  • Ihre Politik ist Russland-freundlich.
  • Die Werbung verlief einzig via Mund-zu-Mund-Propaganda.

Das erste Wort einer Zusammensetzung oder Aneinanderreihung, die als Substantiv fungiert, schreibt man auch dann gross, wenn es kein Substantiv ist:

  • Der Pro-Kopf-Verbrauch ist angestiegen.
  • Die Ad-hoc-Massnahmen waren notwendig.
  • Ihr Auf-der-Hut-Sein war übertrieben.

Substantive in Verbzusammensetzungen
Neben einfachen Verben gibt es im Deutschen einen schönen Teil zusammengesetzter Verbformen. Enthalten diese Formen nicht-verblasste Substantive, sind die Substantive dabei also konkret zu verstehen, so schreibt man diese gross sowie getrennt von den Verben:

  • Rad fahren
  • Brot backen
  • Schlange stehen

Sind die Substantive dagegen verblasst, so gehen sie in den Verben auf – und werden folglich kleingeschrieben:

  • kopfstehen
  • teilhaben
  • wundernehmen

Präposition plus Substantiv
Verblasste Substantive verbinden sich nicht nur gerne mit Verben, sie umgeben sich auch oftmals mit Präpositionen. Wird eine solche Fügung zu einer neuen Präposition oder einem neuen Adverb, so wird klein- und zusammengeschrieben:

  • aufgrund des Wetters
  • anstelle ihrer Freundin
  • aufseiten der grünen Partei
  • infrage stellen
  • zugrunde liegen

Derartige Fügungen können theoretisch auch als Wortgruppen verstanden werden. Dann werden Präposition und Substantiv getrennt und wird das Substantiv grossgeschrieben:

  • auf Grund des Wetters
  • an Stelle ihrer Freundin
  • auf Seiten der grünen Partei
  • in Frage kommen
  • zu Grunde liegen

Die deutsche Sprache wäre aber nicht die deutsche Sprache, wenn sie keine Ausnahmen zuliesse: Einige dieser Konstrukte wollen partout zusammengehören, einige um alles in der Welt getrennt bleiben – etwa folgende Compagnons und Individualisten:

  • anstatt seiner Freundin
  • inmitten meiner Familie
  • beiseite legen
  • in Kraft treten
  • zu Ende gehen

Präposition plus Adjektiv
Treten Adjektive zusammen mit Präpositionen auf und sind die Adjektive dazu dekliniert, dann riecht die Sache stark nach Substantiv. Entsprechend sollten die Adjektive in solchen Wendungen grossgeschrieben werden:

  • Der Bau wurde vor Kurzem fertiggestellt.
  • Bis auf Weiteres bleibt der Laden zu.
  • Sein Ärger war ihm von Weitem anzusehen.

Sind die Adjektive in solchen Fällen jedoch unflektiert, so gilt: Kleinschreibung!

  • Über kurz oder lang – es macht keinen Unterschied.
  • Sie ging mit ihr durch dick und duenn.
  • Man kam von nah und fern.

Während Adjektive in Superlativen normalerweise kleingeschrieben werden, können sie in festen adverbialen Wendungen, die aus «aufs» oder «auf das» und Superlativ bestehen, grossgeschrieben werden:

  • Wir haben uns aufs Beste verstanden.
  • Er war aufs Äusserste gespannt.
  • Die Dinge hatten sich aufs Angenehmste entwickelt.

Zahladjektive
Die Zahladjektive «viel», «wenig» oder «[die] eine» und «[der] andere» werden grundsätzlich kleingeschrieben. Möchte man jedoch ihren substantivischen Charakter unterstreichen, so ist Grossschreibung zulässig:

  • Ich kenne nicht viele oder Viele in dieser Stadt.
  • Die meisten oder Meisten waren müde.
  • Erst wenige oder Wenige hatten davon gehört.
  • Die wenigsten oder Wenigsten waren darauf vorbereitet.
  • Die anderen oder Anderen waren nicht von hier.

Insbesondere die Grossschreibung von «[der, die, das] andere» geht mit einer Bedeutungsverschiebung einher: Wo die andere die übrige ist, ist der oder das Andere der oder das Neue, Unbekannte, Fremde. Ob gross- oder kleingeschrieben wird, ist hier also sogar bedeutungsrelevant.

Wörter wie «einige/r/s» oder «manche/r/s» schreibt man dagegen stets klein. Sie sind zwar auch Zahlwörter, jedoch – anders als die Adjektive «viel», «wenig» und Co. – Pronomina und können deshalb nicht substantiviert werden. Die sogenannte Artikelprobe verdeutlicht den Unterschied:

  • die vielen Leute
  • die einigen Leute (ungrammatisch)

Zahlen
Von den Zahladjektiven zu den Zahlen. Auch letztere werden grundsätzlich kleingeschrieben – ganz egal ob es sich dabei um Mengen-, Alters- oder Zeitangaben handelt:

  • Alle vier waren intelligent.
  • Er ist sechzig geworden.
  • Sie kam gegen zwölf.

Meinen wir jedoch die Ziffer einer Zahl, so wird diese grossgeschrieben:

  • Er zeichnete eine liegende Acht.
  • Sie würfelte eine Sechs.
  • Die Dreizehn war seine Unglückszahl.

Bezeichnen wir nicht den eigentlichen Wert einer Zahl, sondern eine unbestimmte Grösse, können wir die Zahl auch grossschreiben. Das trifft insbesondere auf «hundert» und «tausend» zu:

  • Sie rechneten mit Hunderten oder hunderten von Gästen.
  • Das Gerät kostete Tausende oder tausende von Franken.

Ab einer Million wird übrigens jede Zahl – drücke sie einen Zahlenwert oder eine unbestimmte Grösse aus – grossgeschrieben. Ebenfalls stets mit grossem Anfangsbuchstaben wartet das Dutzend auf. Beides aus gutem Grund: Die Million und das Dutzend sind astreine Substantive:

  • Bisher hatten das Video zwei Millionen gesehen.
  • Das Haus kostete zwei Millionen und sechshunderttausend Franken.
  • Das Fussballspiel verfolgten Millionen von Leuten.
  • Sie kaufte zwei Dutzend Eier.
  • Vor dem Laden standen Dutzende Schlange.

Klarer ist die Lage bei Ordnungszahlen; sie werden generell grossgeschrieben:

  • Jeder Zweite war krank.
  • Sie wurde Dritte in ihrer Kategorie.
  • Als Erstes las er das Feuilleton.
  • Die Letzten werden die Ersten sein.
  • Sie waren weniger an Ersterem denn an Letzterem interessiert.

Kleingeschrieben werden Ordnungszahlen nur, wenn sie attributiv verwendet und also einem Substantiv beigeordnet werden:

  • Der erste Mann auf dem Mond war US-Amerikaner.
  • Wir sitzen in der zweiten Reihe.
  • Es war die dritte Prüfung im Semester.
  • Der letzte Sieg lag lange zurück.
  • Sie hatte Ballerinas und Stiefeletten gekauft; an dem Abend trug sie erstere Schuhe.

Beziehen sich «erstere/r/s» oder «letztere/r/s» nicht auf einen ganzen Sachverhalt, sondern auf ein vorangehendes Substantiv, schreibt man diese ebenfalls klein:

  • Frau Müller und Herr Meier waren beide beliebte Lehrpersonen. Hinzu kam, dass erstere eine bekannte Schriftstellerin war.

Farben
Kurz und knapp: Alleinstehende Farben sind Substantive und werden daher immer grossgeschrieben – auch dann, wenn sie artikellos sind:

  • Das Blau in ihren Augen war faszinierend.
  • Sie ging bei Rot über die Strasse.

Vorsicht ist einzig bei verblassten Farbsubstantiven geboten:

  • Ich sehe rot (rotsehen).
  • Er machte die ganze Woche blau (blaumachen).
  • Sie arbeitet schwarz (schwarzarbeiten).

Wortgruppen als Eigennamen
Gehört ein Adjektiv, ein Partizip, ein Pronomen oder ein Zahlwort zu einem Eigennamen, so wird dieses grossgeschrieben – analog etwa zur englischen Sprache:

  • der Schiefe Turm von Pisa
  • die Vereinigten Arabischen Emirate
  • die Alte Tante (Neue Zürcher Zeitung)

Daneben gibt es Wortgruppen, die gleichwohl feste Begriffe, aber keine Namen sind. Die darin vorkommenden Adjektive schreibt man daher klein:

  • die künstliche Intelligenz
  • das neue Jahr
  • der olympische Gedanke
  • das schwarze Schaf sein
  • einen grünen Daumen haben

Doppelpunkt
Bei Doppelpunkten wartet die deutsche Sprache mit ein paar netten Besonderheiten auf. Grundsätzlich gilt: Folgt nach einem Doppelpunkt ein ganzer Satz bzw. ein Hauptsatz, so wird grossgeschrieben: Das ist zum Beispiel gerade hier und jetzt der Fall. Anders sieht es bei folgendem Beispiel aus: keine Grossschreibung, weil ein verbloser und somit kein ganzer Satz. Kleinschreibung auch in folgendem Fall: weil es sich hierbei um einen Nebensatz handelt.

Aber Achtung, so richtig würzig wird’s erst jetzt. Wenn ein Satz nach einem Doppelpunkt auch mit einem Gedankenstrich oder einem Komma angeschlossen werden könnte, ist sowohl Gross- als auch Kleinschreibung möglich:

  • Der Hund, die Katze, das Meerschweinchen: Alle oder alle waren sie hungrig. (Denn genauso gut könnte man schreiben: Der Hund, die Katze, das Meerschweinchen – alle waren sie hungrig.)

Bei Titeln und Claims indes lässt sich beobachten, dass nach einem Doppelpunkt zumeist gross fortgefahren wird – ob nun ein Haupt-, Neben- oder unfertiger Satz folgt:

  • Altersvorsorge: Wir wollen sichere Renten!
  • Altersvorsorge: Sichere Renten für alle
  • Rentenreform: Weil wir sichere Renten wollen

Verb-Adjektiv- oder Verb-Substantiv-Kombinationen
Last but not least gibt es noch einige mit «sein» oder «werden» verbundene Adjektive, die substantivisch aussehen und daher oft zu Zweifeln Anlass geben. Grossschreibung? Kleinschreibung? Nun, diese Adjektive sind und bleiben Adjektive, sie werden deshalb kleingeschrieben:

  • Mir wird angst. (Aber: Ich habe Angst.)
  • Sie ist mir gram.
  • Du bist schuld.

Schwierigkeiten bereiten auch folgende Kandidaten: «Recht/recht haben» und «leidtun». Während im ersten Fall folgende Schreibungen korrekt sind:

  • Du hast Recht oder recht.

Ist im zweiten Fall einzig Folgendes korrekt:

  • Es tut mir leid.

Es scheint, dass das Substantiv bei «leidtun» verblasst ist, während es bei «Recht/recht haben» seine konkrete Bedeutung bislang behalten hat. Unlogisch mutet dabei allerdings an, dass «recht haben» getrennt statt zusammengeschrieben wird. Obschon… Ein paar Geheimnisse darf die deutsche Sprache ja auch noch haben.

Bild: istockphoto.com

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