Wie eine sexistische Osterhäsin Schlagzeilen machte

Ein Stich ins Wespennest – ein paar Drohnenangriffe – und ein gutes Ende. So würde ich meine Kritik an der Fifty-Shades-of-Grey-Osterhäsin der Luzerner Confiserie Bachmann und die Reaktionen darauf zusammenfassen. Aber von vorne.

Am Dienstag vor Ostern postete ich folgenden Tweet:

Hohe Wellen schlug der Post zunächst nicht. Erst als der Blick auf meinen Tweet aufmerksam wurde und in seiner Printausgabe von Donnerstag einen redaktionellen Beitrag zu meiner Kritik an Bachmann veröffentlichte, hatte ich die Aufmerksamkeitsschwelle überschritten. Schlagartig wusste rund eine halbe Million LeserInnen, dass es diese Schokohäsin gab und dass ich mich daran störte. (Zur Klarstellung: Ich bin weder prüde noch religiös noch humorlos – ich wehre mich dagegen, dass Frauen sexualisiert, objektiviert und unterworfen werden. Die Buch-Film-Trilogie «Fifty Shades of Grey» tut dies und die Osterhäsin als explizites Zitat ebenfalls.)

Häsinnen-Gate
Danach ging die Post ab. Auf Twitter hagelte es erstens Haufenweise unverschämte Kommentare zu meiner Kritik und meiner Person. Zweitens wuchs das mediale Interesse an der Debatte um die Schokohäsin – wohl nicht nur durch den Blick-Artikel, sondern auch dank der Twitter-Activity (danke!). Die Luzerner Zeitung zog nach mit einem Online-Artikel und einer Abstimmung an der – Stand 31. März – gegen 2200 Personen teilgenommen haben. 20min.ch folgte und triggerte mit seinem Beitrag fast 300 Kommentare. (Sie waren den Twitter-Reaktionen sowohl inhaltlich als auch im Tonfall ebenbürtig.)

Und die Medienspirale drehte weiter: Die Story wurde auf blick.ch und blickamabend.ch publiziert, telebasel.ch sprang auf, Tele Züri, Tele M1 und Tele Bärn drehten eine Umfrage zum «barbusigen Osterhasen», der Bote der Urschweiz übernahm den Artikel der Luzerner Zeitung online und nau.ch berichtete über die «Seximus-Debatte» rund um die Osterhäsin. Die Luzerner Zeitung ergänzte sodann ihren Beitrag um ein Statement von SP-Nationalrätin Yvonne Feri, die sich ebenfalls über die frauenverachtende Häsin ärgerte. Damit war die Aargauer Zeitung auf den Plan gerufen. Das Medium produzierte zusammen mit Tele M1 einen Online-TV-Beitrag, in dem Feri ihre Kritik wiederholte. Das Oltner Tagblatt zog online nach. Der Häsinnen-Gate war perfekt.

Schneeballartige Social-Web-Kommunikation
Als Kommunikationsspezialistin interessieren mich selbstredend die Mechanismen, die eine solche Debatte auslösen. Wenig verwunderlich folgte auch der Häsinnen-Gate dem Shit- bzw. Candystorm-Lehrbuch:

  1. Ein im vormedialen Raum platzierter und diskutierter Issue wird von einem klassischen Medium aufgegriffen,
  2. die mediale Aufmerksamkeit verstärkt die Debatte im Social Web und löst – unterstützt von der Social Activity –
  3. weitere Medienberichte aus, was die Reichweite des Issues markant erhöht.

Der Häsinnen-Gate zeigte also einmal mehr, dass Akteure – seien es Organisationen, seien es Einzelpersonen – die spontane, schnelle und schneeballartige Social-Web-Kommunikation für sich und ihre Anliegen nutzen können bzw. sich dagegen wappnen müssen.

Auch inhaltsanalytisch bot der Gate Anschauungsunterricht. Die Intention meines Tweets, eine breite Öffentlichkeit für die sexistische Häsin zu sensibilisieren und damit meine Kritik an Bachmann auszuweiten, ging nur zur Hälfte auf. Ich mobilisierte mit meinem Post nämlich vor allem auch Feminismus-GegnerInnen (sic). Auf Twitter und in den Foren von 20min.ch und blick.ch bildete sich eine Echokammer aus, in der meine Kritik in der Luft zerrissen wurde. Zudem öffnete sich ein Nebenforum, das darüber stritt, was der Osterhase überhaupt mit Ostern zu tun habe. Mit meinem Ansinnen hatte das herzlich wenig zu tun.

Bloss 10 Prozent interagieren
Ist die Aktion – ungeachtet ihrer immensen Reichweite – demnach gescheitert? Nein. Denn: Die sichtbaren Reaktionen geben die tatsächliche Wahrnehmung nur zum Teil wieder. Diese Interpretation leitet sich ab von Erkenntnissen der US-amerikanischen Norman Nielsen Group. Die User-Experience-Agentur entwickelte anhand von Erfahrungswerten die 1-9-90-Formel: 1 Person spricht, 9 reagieren, 90 hören zu. Meine Opponenten standen also nicht stellvertretend für alle RezipientInnen, sondern nur für einen Bruchteil – mindestens 10 Prozent – der UserInnen/LeserInnen.

Was wohl die übrigen 90 Prozent dachten? Das wollte auch die Luzerner Zeitung in einer Online-Umfrage wissen. Obschon die Resultate nicht repräsentativ sind – ein Sentiment-Barometer sind sie allemal. Und siehe da: Die Befürwortung der Schokohäsin ist auf weniger als die Hälfte geschmolzen. Die Mehrheit der VotantInnen fand die Osterhäsin «grenzwertig» (14%), «sexistisch» (9%) oder verlangte gar, dass Bachmann die Häsin aus dem Sortiment nimmt (28%).

Ende gut alles gut? Eigentlich ja. Gleichwohl: Es bleibt die Empörung über die Empörung, die mir im Social Web und in den Online-Foren entgegenschlug – notabene bei einem Gleichberechtigungsthema. Aber das soll Gegenstand eines nächsten Blogbeitrags sein.

Bilder: ZVG (Osterhäsinnen), luzernerzeitung.ch (Umfrage-Ergebnisse)

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