Snapchat: ein Annäherungsversuch

Snapchat – spätestens seit diesem Jahr ist die Social-Media-Plattform in aller Munde. Täglich tummeln sich rund 100 Millionen Nutzer zwischen 16 und 24 Jahren je eine halbe Stunde auf der Plattform. Rund 60 Prozent publizieren aktiv Momentaufnahmen, Selfies – mit und ohne Verzierungen – und Kürzestvideos. Eben: Schnappschüsse. Bei den Video-Snaps hat die App Facebook als bisher unangefochtenen Branchenführer bereits überholt: Täglich werden auf Snapchat inzwischen über 10 Milliarden Videos angeschaut. Facebook verbucht pro Tag rund 8 Milliarden Video-Views – notabene mit rund fünfzehnmal mehr Nutzern.

Trotz ihrer enormen Verbreitung: Die App umweht ein enigmatischer Hauch. Weshalb? Weil Snapchat das, was Social Media bisher ausmachte, irgendwie anders macht. Snapchat ist ein Netzwerk – und doch nicht. Wer wem folgt, bleibt im Dunkeln. Wie keine andere Social-Media-Plattform betont Snapchat ausserdem das Hier und Jetzt und damit die Echtzeit-Kommunikation. Flüchtige Momente werden eingefangen und genauso flüchtig wiedergegeben. Einmal aufgerufen, wird ein Bild oder ein Video zehn Sekunden lang angezeigt. Dann verschwindet es wieder.

Dieser – ephemere – Charakter Snapchats führt dazu, dass die Plattform vor Authentizität strotzt. Denn: Was schert mich mein unvorteilhaftes Aussehen, das überbelichtete Bild oder irgendein Quatsch, wenn ich weiss, dass sich die Nachricht nach ein paar Sekunden in Luft auflöst? Dass die Snapchatter ihre Bilder munter schmücken, verzerren, rahmen und filtern, steigert die Authentizität der Inhalte noch. Snaps entstehen immer aus einer Laune heraus. Nicht nur zeitlich, auch inhaltlich funktioniert Snapchat deshalb sehr unmittelbar.

Aber halt! Anscheinend lassen sich die Snaps wiederherstellen. Gegen Bezahlung. Just das Alleinstellungsmerkmal der Plattform, das Ablaufdatum der Nachrichten, wird damit subvertiert. Wie müssen wir das verstehen? Sieht so Snapchats Geschäftsmodell aus (ein Schelm, wer Böses dabei denkt)? Oder trotzt der Dienst bewusst unseren Einordnungsversuchen und macht sich damit interessanter? Fast schon banal mutet jedoch Snapchats Öffnung gegenüber Werbekunden an. Umso mehr, als bei 10 Milliarden Touchpoints bzw. 50 Millionen Stunden Nutzungsdauer pro Tag alles andere rätselhaft gewesen wäre. Dem Dienst wird jedenfalls viel zugetraut. Aktuell hat Snapchat einen Marktwert von 16 Milliarden Dollar. Welches Geschäftsmodell sich durchsetzt und ob sich Snapchat darob nicht selbst verflüchtigt, steht allerdings in den Sternen.

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