Political Correctness à l’américaine: bizarr bis gefährlich

«America is the land of opportunity» – ein Satz, der angesichts der aktuellen Political-Correctness-Debatte in den USA Symbolkraft hat. Die Idee des Satzes reicht bis zu den Anfängen der US-amerikanischen Geschichte zurück, als sich das Land mit der «Declaration of Independence» 1776 von der britischen Krone lossagte. «Life, liberty, and the pursuit of happiness», lautete damals der Dreischritt Thomas Jeffersons, einem der Gründerväter des American Dreams. Der Traum scheint sich mehr und mehr in einen Alptraum zu wandeln. Heute steht der Satz auf dem Index. Er könnte mit dem Finger auf diejenigen zeigen, die ihre Chancen in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht wahrnehmen. Deshalb ist der Satz aggressiv, politisch unkorrekt und Tabu.

Befremdet schauen wir zu, mit welcher Hysterie die USA derzeit insbesondere an ihren Hochschulen jegliche Unkorrektheit aus dem gesellschaftlichen Diskurs und dem Zusammenleben zu verbannen versuchen. Trigger-Warnungen sollen helfen, die Studierenden vor potenziell problematischen Inhalten zu schützen. Wer sich nicht aussetzen mag, kann weghören oder gehen. Die Disclaimer schützen wohl aber vor allem auch die Universitäten selbst. Falsch verstandene Äusserungen kosten nicht nur Karrieren, sondern lösen auch teure und reputationsschädigende Klagen aus. Selbst die Cafeterias sind vor dem Gerechtigkeitsdrang der Studierenden nicht gefeit. Fremdländische Spezialitäten, die zu wenig authentisch erscheinen, werden als Diskriminierung der entsprechenden Kultur und somit als Mikro-Aggression empfunden. Grotesk mutet die Verzweiflungstat (?) eines Colleges an, «anstössige» Inhalte in literarischen Texten nicht bloss warnend anzukündigen, sondern sie gleich ganz aus den Texten zu entfernen. Und: An der University of Wisconsin-Milwaukee wird sogar der Ausdruck «politically correct» als politisch unkorrekt taxiert – weil er Menschen, die sich für Political Correctness starkmachen, herabsetzt.

Es steht ausser Frage, dass ein egalitäres Zusammenleben verschiedener Ethnien, Geschlechter, Gruppen und Zugehörigkeiten einen bewussten Sprachgebrauch verlangt. Es ist unbestritten, dass wir für ein faires Miteinander unsere Worte sorgfältig wählen und einander respektvoll begegnen müssen. Bloss: Dinge nicht mehr zu sagen, ist nicht die Lösung. «You can’t be what you can’t see», sagt die Bürgerrechtsaktivistin Marian Wright Edelman. Mit anderen Worten: Um mit all den Unterschieden umgehen zu können, aus der sich unsere Welt zusammensetzt, um all die Verschiedenheiten in und um uns einordnen zu können, um Ja oder Nein zu etwas sagen zu können, müssen wir die Dinge beim Namen nennen. Ohne sichtbare Unterschiede wird eine diverse und egalitäre Gesellschaft eine Utopie bleiben. Nur was wir sehen können, können wir sein.

Wenn aber nicht mehr gefragt werden darf, wo man geboren wurde (Implikat: du bist kein/e echte/r US-Amerikaner/in), wenn «crazy», «homosexual» und «breasts» aus dem Vokabular gestrichen sind, wenn klatschen verboten ist (hörbarer Applaus als Mikro-Aggression) und wenn Burritos als Partysnack verpönt sind, dann werden nicht nur Wörter und Sätze ausgeblendet, sondern ganze Konzepte und Lebensweisen unsichtbar gemacht. Eine Gesellschaft, die nicht mehr ausspricht, woraus sie besteht, was sie gut oder auch schlecht macht, ist auf dem besten Weg zur Monokultur. Die ursprüngliche Absicht der Political Correctness – nämlich der Kampf gegen Diskriminierung und für Diversität – wird damit in ihr schieres Gegenteil verkehrt.

Das neue Korrektheitsbedürfnis mutet umso bizarrer an, als es selbst den akademischen Diskurs und die Künste angreift – Domänen, die sich mehr als alle anderen mit allen Facetten unseres Lebens auseinandersetzen sollten. Hochzeit, Mord und Wahnsinn – gemäss Literaturprofessor Peter von Matt sind das die drei Themen der Literatur. Was will die Political Correctness dagegen tun? Den bisherigen Kanon vergessen? Eine neue, unverfängliche Literatur begründen? Das alles sind schauderhafte Vorstellungen.

Ohnehin hat nicht verstanden, was Literatur ist, wer Hochzeit (und damit ist durchaus auch explizite Sexualität gemeint), Mord und Wahnsinn aus ihr eliminieren will. Peter von Matts Analyse sagt es eigentlich bereits: Die literarischen Inhalte sind stets die gleichen – was wir uns dabei denken und was wir daraus machen, ist jedoch den «grossen Umbrüchen der Geschichte unterworfen». Gerade das ist die Chance, die uns die Literatur bietet – möge sie noch so frauenfeindlich, brutal oder suizidal sein. Wenn die Marquise von O. bei Kleist von ihrem Lebensretter geschändet wird, dann können wir diese Gräueltat aufs Schärfste veurteilen (was im Übrigen die Marquise ebenfalls tut: «gehn Sie! gehn Sie! gehn Sie! rief sie, indem sie aufstand; auf einen Lasterhaften war ich gefasst, aber auf keinen — Teufel!»). Und wenn Lessings Nathan der Weise sagt: «Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch Gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu heissen!», so sollten wir darüber ernsthaft nachdenken.

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